Am 25. Februar 2026 feierte die Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft (DBG) in Hannover ihr 100-jähriges Gründungsjubiläum. Die Festveranstaltung in den Räumlichkeiten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), die die Veranstaltung mitorganisierte, war mit knapp 150 Teilnehmenden sehr gut besucht. Grußworte und Vorträge spannten den Bogen von der Geschichte der DBG über aktuelle Forschungsfragen bis hin zu Wissenschaftskommunikation und künftigen Herausforderungen der Bodenkunde. Zugleich bot die Veranstaltung viele Gelegenheiten zum fachlichen und persönlichen Austausch.
In ihren Grußworten hoben Prof. Dr. Volker Steinbach (BGR-Vizepräsident), Prof. Dr. Daniela Sauer (DBG-Präsidentin) und Prof. Dr. Karl H. Mühling (DAF-Präsident, DGP und JPNSS) die Bedeutung der Bodenkunde, die Geschichte der DBG und ihre Vernetzung in der nationalen und internationalen Fachgemeinschaft hervor. Dr. Bruce Lascelles, designierter Präsident der IUSS, richtete sich mit einer Videobotschaft in der er die Bedeutung der Bodenkunde hervorhebt an die Festversammlung.
Da Steckt Geschichte Drin. Mit seinem Festvortrag „Urgründe – Kontinuitäten – (Um)brüche: Streiflichter aus 100 Jahren Geschichte der DBG“ zeichnete Prof. Dr. Karl-Heinz Feger (TU Dresden), Altpräsident der DBG, wichtige Entwicklungslinien, Wendepunkte und prägende Persönlichkeiten aus der Geschichte der DBG nach. Zugleich machte er deutlich, dass der Blick auf die vergangenen 100 Jahre nicht beim Rückblick stehen bleibt: Mit dem Boden des Jahres 2026, dem Archivboden, und dem Ausblick auf die kommende DBG-Jahrestagung in Hannover schlug der Vortrag auch den Bogen zu aktuellen Themen und künftigen Aktivitäten der DBG.
Prof. Dr. Thomas Scholten (Universität Tübingen) zeichnete in seinem Festvortrag „Kann künstliche Intelligenz Böden erkennen? Von den Anfängen des Digital Soil Mapping bis zur vor uns liegenden Entwicklung“ die Entwicklung des Digital Soil Mapping von geostatistischen Verfahren und GIS-gestützter Geländeanalyse bis zu heutigen KI- und Machine-Learning-Ansätzen nach. Dabei wurde deutlich, dass datengetriebene Modelle neue Möglichkeiten für die Bodenkunde eröffnen, zugleich aber Fragen der Unsicherheit, der Datenbasis und der Interpretierbarkeit der Ergebnisse stärker in den Blick rücken. Zugleich wurde sichtbar, dass für weitere Fortschritte vor allem bessere Daten aus Geowissenschaften, Biologie und zur Rolle des Menschen benötigt werden.
In seinem Festvortrag „Soil Science at the Joint Research Center of the European Commission 1992–2025“ zeigte Luca Montanarella, wie sich die bodenkundliche Arbeit am Joint Research Centre der Europäischen Kommission von der Unterstützung der Ertragsprognose zu einer zentralen Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik entwickelt hat. Der Bogen reichte von gemeinsamen Bodendaten, Bodenatlanten und dem Bodenarchiv in Ispra bis zu aktuellen Initiativen zu Bodenmonitoring und Bodengesundheit in Europa. Im Rahmen der Festveranstaltung wurde Luca Montanarella zudem von DBG-Präsidentin Prof. Dr. Daniela Sauer die Urkunde als Korrespondierendes Mitglied der DBG verliehen.
Impressionen vom Sektempfang und der Kaffeepause, die in entspannter Atmosphäre und begleitet von Jazzklängen viel Raum für persönliche Begegnungen, lebhafte Gespräche und fachlichen Austausch boten. So wurde die Festveranstaltung auch jenseits des offiziellen Programms zu einem Ort der Vernetzung und des Wiedersehens.
Prof. Dr. Georg Guggenberger (Universität Hannover), Moderator der Festveranstaltung, führte in den Vortrag von Prof. Dr. Ingrid Kögel-Knabner ein, die anschließend unter dem Titel „Meilensteine der Forschung zu organischer Bodensubstanz“ einen Bogen über rund 240 Jahre Forschung spannte. Sie zeigte, wie sich die Vorstellungen zur organischen Bodensubstanz von frühen chemischen Konzepten und der Humusforschung des 19. Jahrhunderts über Langzeitexperimente, Fraktionierung, Isotopenmethoden und Biomarkeransätze bis zu heutigen Konzepten mikrobieller Nekromasse und mineralgebundener organischer Substanz entwickelt haben. Deutlich wurde dabei, wie sich das Verständnis von Humus von vermeintlich klar abgrenzbaren Stoffklassen hin zu einem dynamischen System mit unterschiedlichen Umsatzzeiten, Stabilisierungsmechanismen und Umweltabhängigkeiten gewandelt hat.
Prof. Dr. Mathias Rillig (Freie Universität Berlin) skizzierte in seinem Festvortrag den raschen Aufstieg der Mikroplastikforschung und den aktuellen Kenntnisstand zu Mikroplastik in Böden und Ökosystemen. Er zeigte, über welche Wege Mikroplastik in Böden eingetragen wird, welche physikalischen, chemischen und biologischen Effekte damit verbunden sein können und warum Form, Partikelgröße und Zusatzstoffe für die Bewertung der Risiken eine zentrale Rolle spielen. Zugleich wurde deutlich, dass Mikroplastik im Kontext des globalen Umweltwandels betrachtet werden muss und viele Fragen zu seinen Langzeitwirkungen noch offen sind.
In seinem Vortrag „Gier nach ukrainischer Erde. Die Geschichte der Schwarzerde und aktuelle Ressourcenkonflikte“ zeigte Jan Arend (Universität Tübingen/LMU München), wie eng die wissenschaftliche „Entdeckung“ der Schwarzerde und der imperiale Blick auf die Ukraine historisch miteinander verflochten sind. Er spannte den Bogen von der Expansion Russlands in die Steppengebiete, der Aneignung der Südukraine als vermeintlich „leeren“ Raum und ihrer Deutung als Kornkammer bis zu Dokuchaevs wissenschaftlicher Erfassung der Schwarzerde und späteren deutschen Begehrlichkeiten im 20. Jahrhundert. Deutlich wurde dabei, dass die Geschichte der Aufwertung ukrainischer Böden nicht getrennt von imperialen Herrschafts- und Ressourcenkonflikten betrachtet werden kann – eine Perspektive, die bis in die Gegenwart reicht.